EK-Berichte zu den Ausgrabungen in Baugebiet "Krautgartenfeld"

 

Bericht 1, Bericht 2, Bericht 3

Bericht vom 15.12.2005

Rätsel um neu entdeckte karolingische Kirche
Sie ist weder schriftlich noch mündlich überliefert und schlummerte über mehr als 1200 Jahren im Boden bei Nassenfels. Jetzt, bei den Ausgrabungen der Villa Rustica im antiken Vicus Scuttarensis, wurde sie wieder entdeckt: eine Kirche aus der Zeit der Karolinger (wir berichteten bereits). Für die Archäologen des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege zum einen eine Sensation, zum anderen ein Rätsel.

Eine Sensation deswegen, weil es in Bayern bislang keine ähnlich gut erhaltenen Reste einer Kirche des Typs einfacher Rechtecksaalbauten aus der Zeit der Karolinger, wie es die Nassenfelser Gotteshaus ist, gibt. Und außerdem, weil bislang immer davon ausgegangen wurde, dass die Bajuwaren/Merowinger die von den Römern Anfang bis Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus aufgegebenen Siedlungen tunlichst gemieden haben. Dieser Annahme aber widerspricht die Entdeckung in Nassenfels. Denn die Kirche aus der Karolingerzeit, also dem achten Jahrhundert, wurde zum Teil eindeutig auf römischen Fundamenten errichtet. Außerdem liegt sie in unmittelbarer Nachbarschaft von Gebäuden in Holzbauweise, Brunnen und Kellern, die noch in karolingischer Zeit von einer intakten römischen Hofmauer umgeben war. Der zu der Kirche gehörende Friedhof, der ohne Beigaben ausgestattet war, konnte, wie der Leiter des Grabungsbüros Ingolstadt des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Jochen Haberstroh, gestern vor Ort mitteilte, durch Radiocarbonanalysen in das achte und neunte Jahrhundert datiert werden.

Ein Rätsel ist der Fund für die Archäologen deshalb, weil die Kirche in keiner Urkunde – auch nicht einer mündlichen Überlieferung – erwähnt ist. Einige Scherben aus dem Abbruch der Kirche deuten auf ein endgültiges Ende im zehnten Jahrhundert hin . Dabei wurde das Gebäude aber nicht einfach sich selbst überlassen, sondern aller Voraussicht nach wurden alle hochwertigen Bauelemente wie Chorschranken und Türgewände abgebaut und vermutlich an anderer Stelle wieder verwendet. Und die Kirche geriet vollkommen in Vergessenheit.

Aus Kalkül vermutlich, meint Haberstroh. Er erinnert daran, dass es nach der durch Bayern-Herzog Odilo betriebenen Gründung des Bistums Neuburg (um 740) zu Auseinandersetzungen mit den Franken gekommen war. Das Bistum Neuburg wurde schließlich um 800 wieder aufgelöst, Teile des Gebiets kamen zurück nach Augsburg, andere wurden dem damals erstarkenden Bistum Eichstätt (Bistumsgründer Willibald wird 740 in Eichstätt durch Bonifatius zum Priester geweilt, 741 zum Bischof) zugeschlagen. Und die Eichstätter dürften großes Interesse daran gehabt haben, vergessen zu lassen, dass das Gebiet um Nassenfels einmal zu Neuburg/Augsburg gehört hatte, um nicht eventuellen Gebietsansprüchen später entgegentreten zu müssen. Deshalb, so mutmaßt Haberstroh, könnten die karolingische Kirche und der frühmittelalterliche Hof in Nassenfels totgeschwiegen worden sein.

Eine Vermutung, die in jüngerer Zeit an anderem Ort Bestätigung finden könnte. Erinnert sei an die Ruinenkirche im Spindeltal zwischen Tagmersheim und Konstein. Auch dort stritten sich lange Zeit die Bistümer Eichstätt und Augsburg darüber, wem die Einkünfte aus der Wallfahrt zuständen. Eine Einigung blieb aus, und das Ergebnis: Die Wallfahrt brach ab, die Kirche verfiel nach und nach und wurde erst jetzt von einem privaten Kreis von Engagierten wieder instand gesetzt .

Bericht vom 09.12.2005

In Nassenfels unbekannte karolingische Kirche entdeckt
Die Marktgemeinde Nassenfels, das antike Vicus scuttarensis, ist ein geschichtsträchtiges Pflaster ersten Ranges – auch wenn dies die politische Verantwortlichen nicht so recht glauben wollen. Unter Archäologen jedenfalls ist die seit Jahren laufende Grabung in dem römischen Landgut immer wieder für Sensationen gut.

Nun wurde auf dem, wie es Dr. Jürgen Haberstroh vom Bayerischen Landesamt für  Denkmalpflege  im neuesten "Archäologischen Jahr für Bayern" schreibt, "offenbar unvermeidbaren Baugebiet Krautgartenfeld" erneut ein Sensationsfund gemacht: eine bislang unbekannte karolingische Kirche, die im achten Jahrhundert in dem römischen Landgut  errichtet worden war.

Seit 2001 laufen die Grabungen in dem römischen Landgut, und noch bis zu den Feiertagen sind die Archäologen nun dabei, einen erstaunlich gut erhaltenen Kirchenbau zu vermessen und zu zeichnen, der teilweise auf römischem Mauerwerk gegründet wurde und an den sich der zugehörige Friedhof mit beigabenlosen Bestattungen anschließt. Der in seiner Osthälfte im frühen Mittelalter neu fundamentierte Bau ist noch in mehreren Steinlagen erhalten, die einen feinen Kalkputz tragen und ursprünglich eine rötliche Bemalung aufwiesen. Im abgetrennten Chorraum der Kirche befinden sich drei Altarstellen, umgeben vom für die Karolingerzeit typischen Ziegelsplittestrich.

Für Haberstroh eine kleine Sensation. Denn die Kirche zählt zum frühen Typ einfacher Rechtecksaalbauten, die in Bayern bislang kaum archäologisch nachgewiesen sind. Und: Das Kirchengebäude ist nirgends erwähnt. Bislang, so der Archäologe, fehlten urkundliche Überlieferungen zu dem frühmittelalterlichen Hof und seiner Kirche – ein Rätsel für Haberstroh. Die Kirche war umgeben von weiteren Gebäuden in Holzbauweise , Brunnen und Kellern, die noch in karolingischer Zeit von einer intakten römischen Hofmauer eingefasst waren. Einige Scherben aus dem Abbruch der Kirche deuten auf ein endgültiges Ende im zehnten Jahrhundert hin. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurden auch alle hochwertigen Bauelemente wie Chorschranken oder Türgewände abgebaut und vermutlich an anderer Stelle wieder verwendet.

Haberstroh: "Die Funktion der Kirche im Grenzraum der frühmittelalterlichen Bistümer von Eichstätt , Neuburg an der Donau und Augsburg, ihr Stifter, der alte Ortsname und das Kirchenpatronat sind noch unbekannt." Neben der hochwertigen Bauausführung , die an das Regensburger Niedermünster erinnere, sei es vor allem dieses Rätsel um das Schicksal der Kirche, "das die Nassenfelser Grabungsergebnisse zu einem in Bayern einzigartigen Fall für die Frühmittelalterarchäologie macht". Die vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführten Ausgrabungen erlaubten, so Haberstroh, auch Einblicke in die römische und vorrömische Geschichte des Platzes. Eine Ausgrabung der gesamten Villa veranschlagen die Archäologen mit einer Grabungszeit von etwa 15 Jahren . Der größte Teil des römischen Landgutes werde daher, so Haberstroh , "unausgegraben als herausragendes Denkmal der Nachwelt erhalten bleiben".

Nun hofft Haberstroh, wie er im "Archäologischen Jahr" schreibt, dass der zweite Bauabschnitt des "Krautgartenfelds" nicht verwirklicht wird.

 

Das erste Nassenfelser Kirchlein stammt wohl aus der Karolinger-Zeit
Archäologen erleben bei Ausgrabung im Baugebiet immer neue Überraschungen
Rund 70 Teilnehmer folgten bei einer archäologischen Führung, die der Nassenfelser Pfarrgemeinderat in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Erwachsenenbildungswerk veranstaltete, den hochinteressanten Ausführungen des Archäologen Dr. Jochen Haberstroh an der aktuellen Grabungsstelle im Baugebiet Krautgartenfeld in Nassenfels. Auch nach fast drei Jahren Arbeit ist hier noch kein Ende in Sicht, so Haberstroh.
Die Archäologen waren gleich zu Beginn auch auf Gebäude gestoßen, die aus der Zeit nach der römischen Besiedelung in die Zeit des 3. Jahrhunderts nach Christus zu datieren sind, als sich die Römer bereits wieder zurückgezogen hatten. Damit hatten die Fachleute vorher nicht gerechnet. Als das Grabungsniveau etwa in der Zeit der aus Luftbildern bekannten römischen Gebäude der Villenanlage so um 140 bis 150 nach Christus angekommen war, stellten die Archäologen ebenfalls mit Erstaunen fest, dass auch unter dieser Villa noch weitere bedeutende Zeugnisse zu finden sein werden, nämlich aus der Zeit um 80 nach Christus.

Bei der Besichtigung der Ausgrabung ist derzeit am deutlichsten ein Teilstück der langen Außenmauer, welche die "villa suburbana" einmal umgeben hat, zu erkennen. Die enorme Größe der Villenanlage selbst lässt auf die besondere Bedeutung der dort produzierten Ware und auch auf den wohl vorhandenen Wohlstand des Besitzers schließen. Die Villa ist vergleichbar mit der bei Westerhofen beziehungsweise Stammham gefundenen Villenanlage und kann ziemlich genau auf die Jahre 140 bis 150 nach Christus datiert werden.

An den unterschiedlichen Bodenschichten am Rand des Grabungsgebietes zeigte Haberstroh nochmals die verschiedenen Zeiten an, aus denen bisher Funde zu verzeichnen waren. Eine Besonderheit stellte dabei auch ein so genanntes Grubenhaus dar, das zu römischer Zeit offensichtlich für den handwerklichen Betrieb genutzt wurde. Keramikfunde aus dem 7. Jahrhundert lassen zudem jedoch darauf schließen, dass dieses und andere Gebäude auch noch in fränkisch-bajuwarischer Zeit genutzt beziehungsweise Materialien aus der römischen Zeit wieder verwendet wurden. Auch ein Nebengebäude in der Villenanlage wurde noch im 7. und 8. Jahrhundert als Brunnenanlage genutzt.

Ein weiteres kleines Gebäude, das aber erst einige Jahre später als die anderen Nebengebäude entstanden sein muss, hatte man nach den Worten Haberstrohs "auch nicht auf der Rechnung", denn der Größe nach und der Nutzung entsprechend handelte es sich dabei um ein typisches Grubenhaus, jedoch in einer steinernen Ausführung · und das sei einzigartig in ganz Süddeutschland.

Als neueste Überraschung sind die Forscher nun im Sommer im derzeit südwestlichsten Bereich der Grabung auf eine Gebäudeecke gestoßen, bei des es sich um eine Art kleinen Tempel oder Kirche handeln könnte, was durch den Fund von fünf Gräbern in unmittelbarer Nähe bestätigt wurde. Hier dürfte es sich um die aller erste "Kirche" von Nassenfels handeln. Die in den Gräbern gefundenen Skelette von zwei Männern, zwei Frauen und einem jungen Mädchen wurden genau untersucht, sie stammen allesamt aus dem Zeitraum 650 bis 850 nach Christus. Und aus Überlieferungen ist bekannt, dass zu dieser Zeit der Karolinger nur Bestattungen in unmittelbarer Nähe von religiösen Gebäuden vorgenommen wurden.

Während bereits feststeht, dass der Bereich der Grabungen größtenteils durch Wohnhäuser überbaut werden wird, ist immer noch unklar, ob der zweite Abschnitt des Baugebiets Krautgartenfeld, in welchem dann das eigentliche Hauptgebäude der Villenanlage einbezogen wäre, auch erschlossen wird. Hierzu steht der Markt Nassenfels bekanntlich in Verhandlungen mit den entsprechenden Behörden, ein Wiederaufbau der Villa wird jedoch für den Markt Nassenfels selbst nicht und auch für den Freistaat Bayern finanziell nur schwer möglich sein. Denkbar wäre aus Nassenfelser Sicht jedoch, dass vom Freistaat durch einen entsprechenden Betrag das Baurecht ablöst und somit der zweite Erschließungsabschnitt nicht vorgenommen wird.